Reformation und Toleranz: In den Gemeinden Toleranz üben!?

Es ist Freitagnachmittag. Ein evangelischer Beerdigungsgottesdienst in einer katholischen Dorfkirche.
Freunde und Verwandte des mit 45 Jahren verstorbenen Rollstuhlfahrers aus Berlin-Kreuzberg sind gekommen. Etwa 30 Personen drängen sich in die ersten Bankreihen: zum Teil tätowiert, mit “Lederklamotten” und unkonventionellem Haarschnitt. Ich vermute, Alt-68er aus der Protest-bewegung und der alten Hausbe-setzerszene. Sie sehen so aus, als ob sie noch nicht so oft in einer Kirche waren, geschweige denn einen Got-tesdienst miterlebt haben. Und nun hier, in einer hellen, hohen Rokoko-kirche, die von der Macht und dem Einfluß der Kirche erzählt. Das zeigt Wirkung: Eingeschüchtert und irritiert sitzen sie vor mir. Wie von einem anderen Stern. Sie scheinen sich nicht wohl zu fühlen. Sehr leise spielt Instrumentalmusik von den Rolling Stones aus dem viel zu kleinen CD-Player. Kaum zu hören in dieser gewaltigen Kirche.
Michael, ihr Freund und Gefährte wollte unbedingt in Niederbayern, im Grab seiner geliebten Großmutter beerdigt werden.
Ich blicke zum Haupteingang. Dort sitzen sie. Die vier Sargträger in ihren schwarzen Umhängen. Die Dienst-mützen griffbereit und ordentlich vor ihnen abgelegt. Der Bürgermeister, ein stämmiger Landwirt in den 60-ern, sitzt neben ihnen. Ich kann die Spannung und ihre finsteren Blicke spüren. Ich meine, ihre Gedanken lesen zu können: “Die werden unsere Kirche nicht ab-fackeln!”
Habe ich die Gemeinde überfordert? Kirche und Toleranz. Ja – aber wie weit geht die Toleranz, wenn Angst und Vorurteile uns bestimmen?
Als die Beerdigung ohne Zwischenfälle vorbei ist und die Trauergemeinde und die Einheimischen den Friedhof verlassen haben, denke ich im Stillen: Jesus hatte keine Berührungsängste, weder bei Armen und Aussätzigen, noch bei Frommen und Zweiflern. Jesus konnte jeden Menschen mit den Augen seines Vaters anschauen. Ich frage mich, wie kann er uns heute noch anstecken. Ist es überhaupt möglich, eine wirklich offene und einladende Gemeinde zu sein?

Die “Kremess”, das gemeinsame Essen nach der Beerdigung, findet wie gewohnt in der Dorfwirtschaft statt. Der Wirt geht freundlich und ohne Zögern auf seine Berliner Gäste zu: “Greasd Enk! Wos megds zum Dringa?” Auch auf mich kommt er – wie immer – freundlich zu. Ich erzähle ihm von der Beerdigung und der Spannung, die in der Luft lag. Er erwidert lachend, dass der Bürger-meister und die anderen im Neben-zimmer beim Schafkopf sitzen. Dann wird er ernst: “De Andern ko ma ned nach’m Äußern beurteilen. A Mensch bleibt a Mensch. Erst wannst eahm kennalernst, siehgst obs oana is, der wos daugt!”

Recht hat er!

Pfarrer Johann-Albrecht Klüter

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